Statistikprozess
Statistik
als Produktionsprozess
Die
Statistik
wird in der Öffentlichkeit oft nur als Veröffentlichung der Ergebnisse oder als das Ausfüllen von Fragebogen
wahrgenommen. Die vor- und nachgelagerten Arbeiten sind von aussen oft nicht erkennbar. Dabei ist die
Bereitstellung statistischer Informationen ein vielfältiger Prozess, der sich durchaus mit einem Produktionsprozess
anderer Güter vergleichen lässt. Um diesen Prozess zu veranschaulichen, wird dieser in sieben Phasen
dargestellt.
1.
Informationsauftrag
Für jede Statistik ist der Informationsauftrag zu
bestimmen. Ein wesentlicher Informationszweck beispielsweise einer Schülerstatistik auf schweizerischer
Ebene besteht in den interkantonalen Vergleichen bezüglich der Verteilung auf die einzelnen Schularten
aufgrund der Selektion der Sekundarstufe I. Im Kanton selbst dient die Schülerstatistik als Grundlage
für die Schulplanung, aber auch für weitere Fragestellungen wie die Verteilung der Kinder nach ihrer
Muttersprache auf die einzelnen Schulen oder die Heterogenität der einzelnen Schulklassen bezüglich
schweizerischer oder ausländischer Herkunft. Die Statistik hat diese teils nur vage definierten, teils
sehr präzisen Informationsbedürfnisse zu sammeln und in operationale, der Quantifizierung zugängliche
Konzepte umzusetzen.
2. Konzept
In
dieser Phase gilt es zu klären, ob und mit welchen Mitteln der Informationszweck am besten erreicht
werden kann. Es gilt, ein theoretisches Gerüst zu finden, das für die Beantwortung der Fragestellung
geeignet ist. Bei der Methodenfrage geht es darum, den Merkmalskatalog und die Merkmalsausprägungen
zu definieren, die Erhebungsart (Vollerhebung, Stichprobe etc.) und die Auskunftspflicht (obligatorisch
oder freiwillig) zu bestimmen. Weiter ist die Frage zu klären, ob eine Indirekterhebung (d.h. nicht
die betroffene Person wird selbst befragt) oder eine Direkterhebung durchzuführen sei. Das Erhebungskonzept
muss mit anderen Erhebungen sowohl aus inhaltlicher wie organisatorischer Sicht koordiniert sein. Diese
Konzeptphase durchläuft einen Entscheidungsprozess, in den die betroffenen Kreise involviert sein müssen
und der gleichzeitig hohen wissenschaftlichen Ansprüchen in methodischer Hinsicht genügen muss. Hier
werden die Weichen dafür gestellt, dass die statistischen Resultate am Ende des Produktionsprozesses
repräsentativ sind, das heisst die Wirklichkeit im Sinne einer besten Annäherung verzerrungsfrei abbilden.
3.
Datenerhebung
Die
Durchführung einer Erhebung bedingt die Bereitstellung der notwendigen Erhebungsmedien, wobei die Datenerhebung
auch in elektronischer Form erfolgen kann. Es sind Schnittstellen zu definieren, Wegleitungen zu verfassen
und auch Instruktionen für die Erhebungsstellen zu organisieren. Die Erhebung kann auch als sogenannte
Sekundärerhebung erfolgen, d.h. die Daten werden über bereits bestehende Administrativdaten erfasst
(typisch bei der Lehrkräftestatistik). Die Daten sind möglichst ohne grössere Belastung der befragten
Personen zu erheben. Deshalb sind stets bereits vorhandene Administrativdaten in Betracht zu ziehen.
In dieser Phase der Datenerhebung müssen die Datenlieferanten unterstützend begleitet werden.
4.
Datenaufbereitung
Die erhobenen Daten müssen sodann erfasst, kontrolliert,
plausibilisiert und bereinigt werden. Dieser Arbeitsschritt ist oft sehr zeitintensiv, weil Abklärungen
für allfällige Korrekturen vorgenommen und in der Regel Rückfragen bei den Datenlieferanten notwendig
werden. Ausserdem müssen die erhobenen Daten in die gewünschte Form transformiert werden. Bei Stichprobenerhebungen
kommen hierfür komplexe Methoden der Hochrechnung zum Einsatz, die eine grosse Professionalität erfordern.
Zu dieser Phase gehört auch eine erste Datenanalyse, die hier der Überprüfung der Resultate dient. Sind
die Resultate plausibel? Sind unerklärliche Veränderungen gegenüber den Vorjahren eingetreten? Für diese
Überprüfung dienen Referenzdaten auch aus anderen Erhebungen.
5.
Datenanalyse und Interpretation
Mit der Ermittlung von Resultaten in
Zahlenform ist der statistische Prozess aber bei weitem nicht abgeschlossen. Diese müssen vom Statistiker
ausgewertet, interpretiert und in Aussagen transformiert werden. Die Datenauswertung erfolgt in Tabellen
und Grafiken, für deren Produktion wiederum statistische Methoden und Richtlinien eingesetzt werden.
Die Analyse und Interpretation der Daten muss im Bezug auf den begrifflichen Gesamtzusammenhang, der
hinter den Daten steht, erfolgen. Die Interpretation statistischer Ergebnisse erfordert eine enge Verbindung
von statistisch-methodischen und fachwissenschaftlichen (ökonomischen, demografischen usw.) Kenntnissen.
6.
Datendiffusion
Die
Hauptaufgabe der öffentlichen Statistik in einer Demokratie besteht darin, Grundkenntnisse über die
gesellschaftliche Situation und Entwicklung zu erarbeiten und diese allen Interessierten für ihre Meinungsbildung
verfügbar zu machen. Sie dient damit der Transparenz. Die Verbreitung der statistischen Ergebnisse,
die Datendiffusion ist deshalb eine zentrale Aufgabe der öffentlichen Statistik. Bei der Datenweitergabe
können verschiedene Medien gewählt werden. Ein Weg besteht in der Publikation
(Medienmitteilungen, Fachpublikationen, Statistisches Jahrbuch, Internet). Die Weitergabe kann auch
in Form von Sonderauswertungen für Stellen erfolgen, die diese als Arbeits- und Entscheidgrundlage benötigen.
7.
Datenaufbewahrung
Die
statistischen Daten, die produziert worden sind, werden dokumentiert und archiviert. Dabei ist sicherzustellen,
dass sie auch später jederzeit ausgewertet werden können (Sicherheit vor Verlust, Vernichtung). Damit
wird auch sicher gestellt, dass die Funktion der Statistik als Teil des kollektiven Gedächtnisses erfüllen
kann.